Verteidigung: Erst abgerüstet. Dann umerzogen. Jetzt einberufen.
Deutschland muss wehrhaft sein. Doch Zwang ist kein Ersatz für politische Verantwortung.
von Volker Ketzer drucken
Der deutsche Staat hat den jungen Mann wiederentdeckt.
Jahrelang galt er vor allem als Problem. Zu laut, zu wild, zu wenig sensibel, zu toxisch, zu wenig divers. Nun stellt man fest, dass er im Ernstfall vielleicht doch zu etwas zu gebrauchen sein könnte.
Zum Beispiel, um mit einem Gewehr in einem Schützengraben zu liegen.
Seit Anfang dieses Jahres erhalten alle 18-jährigen Männer einen Fragebogen der Bundeswehr. Sie müssen ihn beantworten. Frauen dürfen. Ab Juli 2027 soll die Musterung für die Männer des Jahrgangs 2008 verpflichtend werden. Vorerst bleibt der eigentliche Wehrdienst freiwillig.
Reichen die Freiwilligen nicht aus, hat der Staat jedoch bereits das nächste Wort erfunden: Bedarfswehrpflicht.
Der Bedarf ist dann staatlich.
Die Pflicht ist deine.
Man muss kein Freund Putins sein, um bei diesem Übergang kurz innezuhalten. Russland führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Es rüstet auf. Die europäische Sicherheitsordnung ist brüchig geworden. Wer daraus folgert, Deutschland könne sich auch künftig auf amerikanischen Schutz, diplomatische Floskeln und die abschreckende Wirkung parlamentarischer Resolutionen verlassen, verwechselt Friedenswunsch mit Sicherheitspolitik.
Ein Land muss sich verteidigen können.
Auch ein freies Land.
Gerade ein freies Land.
Doch damit beginnt die Frage erst und endet nicht etwa dort.
Der Unterschied zwischen Dienst und Pflicht
Ich habe selbst Wehrdienst geleistet. Aus Überzeugung.
Ich war Reservist und halte einen Wehrdienst für eine wertvolle Erfahrung, gerade für junge Männer.
Man lernt dort Dinge, die sich nur schwer in einem Achtsamkeitsseminar mit Hafermilch Chai-Latte und meditativer Selbstreflexion vermitteln lassen. Man erfährt, wie man unter Druck funktioniert, wo die eigenen Grenzen liegen, was Kameradschaft bedeutet und wie es sich anfühlt, Verantwortung zu übernehmen, obwohl man gerade keine Lust darauf hat.
Ein guter Wehrdienst kann einen jungen Mann stärker machen. Körperlich und mental. Er kann ihm Disziplin, Selbstvertrauen und einen realistischeren Blick auf sich selbst geben.
Ich würde deshalb vielen jungen Männern zu einem Wehrdienst raten.
Aber ich würde dem Staat nicht das Recht geben, sie dazu zu zwingen.
Das ist kein Widerspruch, es ist der Unterschied zwischen einer Entscheidung und einem Befehl.
Auch in einer freien Gesellschaft müsste die gemeinsame Verteidigung organisiert werden. Wer sich freiwillig einer Gemeinschaft anschließt, kann sich vertraglich verpflichten, zu ihrem Schutz beizutragen. In einer freien Privatstadt könnte ein Verteidigungsdienst sogar Teil der Bedingungen sein, denen man beim Eintritt zustimmt.
Entscheidend ist, dass die Verpflichtung aus einer freiwilligen Entscheidung entsteht, dass ich vorher weiß, worauf ich mich einlasse und nicht irgendwann eine Regierung erscheint und nachträglich Anspruch auf meinen Körper erhebt.
Der Staat betrachtet diese Feinheit naturgemäß als lästigen Formalismus. Für den freien Menschen ist sie der Kern der Sache.
Das letzte Ersatzteil
Besonders dreist wird der Ruf nach Pflicht, wenn man betrachtet, wer ihn erhebt.
Es ist dieselbe Politik, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges an der sogenannten Friedensdividende berauschte. Dieselbe politische Klasse, unter deren Verantwortung Personal abgebaut, Material vernachlässigt, Kasernen heruntergewirtschaftet und funktionierende Strukturen in bürokratischen Verfahren erstickt wurden.
Noch immer fehlt in der Ausbildung Gerät, dauern Beschaffungen zu lange, bremsen Vorschriften, Zuständigkeiten und Verwaltungswege eine Organisation aus, deren entscheidende Fähigkeit im Ernstfall darin bestehen müsste, schneller zu handeln als der Gegner.
Die Bundeswehr braucht Munition, moderne Waffensysteme, funktionierende Kasernen und klare Führungsstrukturen. Sie braucht eine Beschaffung, bei der ein fehlender Reifen nicht zum verteidigungspolitischen Großprojekt wird.
Vor allem jedoch braucht sie einen eindeutigen Auftrag.
Stattdessen wurde sie über Jahre wie eine Mischung aus bewaffneter Bundesbehörde, sozialpädagogischem Modellprojekt und schlecht ausgestatteter Eventagentur behandelt.
Für Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Inklusion wurden eigene Strukturen, Aktionspläne, Leitfäden und Veranstaltungen geschaffen. Man hisste Regenbogenfahnen, veranstaltete Diversity-Tage und erklärte sexuelle Identität zur strategischen Führungsfrage.
Gleichzeitig fehlte es in der Truppe an Material.
Natürlich darf niemand wegen seines Geschlechts, seiner Herkunft oder seiner sexuellen Orientierung vom Dienst ausgeschlossen oder schikaniert werden. Eine Frau, die die Anforderungen erfüllt, ist ebenso Soldat wie ein Mann, ein homosexueller Schütze trifft nicht zwingend schlechter und Hautfarbe ist keine militärische Qualifikation.
Aber genau deshalb haben Quoten, Gruppenidentitäten und politische Symbolprogramme dort nichts zu suchen.
Für jede militärische Verwendung müssen dieselben sachlichen Anforderungen gelten. Wer sie erfüllt, kann dienen. Wer sie nicht erfüllt, kann es nicht. Eine Armee ist keine Einrichtung zur Herstellung repräsentativer Gruppenbilder. Ihr Zweck besteht darin, einen Gegner abzuschrecken und im Ernstfall besiegen zu können.
Das ist keine Menschenfeindlichkeit, das ist ihre verdammte Aufgabe.
Wenn eine Armee ihre Maßstäbe an gesellschaftspolitische Wünsche anpasst, betrügt sie am Ende genau jene Menschen, die sie in den Einsatz schickt. Der Feind senkt seine Anforderungen schließlich nicht aus Rücksicht auf die deutsche Diversitätsstrategie.
Nachdem man Geld, Material und militärische Klarheit verspielt hat, entdeckt die Politik nun das letzte verfügbare Ersatzteil für die beschädigte Maschine: den Körper des jungen Mannes.
Er soll ausgleichen, was Minister, Koalitionen und Behörden über Jahrzehnte versäumt haben.
Die Rechnung geht an die Jüngsten
Wehrpflicht klingt abstrakt, tatsächlich jedoch greift sie tief in ein junges Leben ein.
Der Staat entscheidet dann, dass Ausbildung, Studium, Arbeit, Beziehung und persönliche Pläne warten müssen. Er nimmt sich Monate aus einer Lebensphase, die nie zurückkommt. Im äußersten Fall verlangt er weit mehr als Zeit.
Wer für eine Wehrpflicht stimmt, verfügt nicht über Haushaltsmittel oder Behördenstellen. Er verfügt über Menschen.
Genauer gesagt: über andere Menschen.
Über Wehrpflicht lässt sich besonders leicht sprechen, wenn man selbst nicht mehr gemustert wird. Politiker können mit ernster Miene von gesellschaftlicher Verantwortung reden und anschließend in einen gepanzerten Dienstwagen steigen. An die Front fahren später andere.
Das bedeutet nicht, dass niemand Verantwortung für die Verteidigung seiner Heimat trägt. Ein freier Mensch kann sogar zu dem Schluss kommen, dass er im Ernstfall kämpfen muss. Für seine Familie, seine Nachbarn, für die Menschen und den Ort, die zu seinem Leben gehören.
Moralische Verantwortung und staatlicher Zwang sind trotzdem nicht dasselbe.
Ein Mensch kann moralisch verpflichtet sein, einem Ertrinkenden zu helfen, jedoch folgt daraus kein allgemeines staatliches Verfügungsrecht über seinen Körper.
Ebenso kann die Verteidigung der eigenen Heimat moralisch geboten sein, ohne dass eine Regierung daraus einen Blankoscheck für jeden Bündnisfall, jede Grenzstreitigkeit und jedes geopolitische Abenteuer erhält.
„Pacta sunt servanda“ – Verträge sind einzuhalten. Doch auch Bündnisse müssen ihren Zweck immer wieder prüfen. Die NATO des Jahres 2026 bewegt sich in einer anderen Welt als die NATO ihrer Gründungszeit. Die Osterweiterung und russische Sicherheitsinteressen dürfen diskutiert werden, ohne Putins Angriffskrieg zu rechtfertigen.
Deutsche Soldaten sind keine Spielfiguren, die man automatisch an jede Ostflanke schiebt, sobald irgendwo ein historischer Konflikt wieder aufbricht.
Wer ihren Einsatz verlangt, schuldet ihnen mehr als Schlagworte, den moralischen Zeigefinger und apokalyptische Schreckensszenarien.
Erst reformieren. Dann fragen.
Bevor die Politik über Pflicht spricht, sollte sie beweisen, dass sie ihre eigenen Aufgaben erfüllen kann.
Sie muss die Bundeswehr konsequent auf Landes- und Bündnisverteidigung ausrichten, die Kasernen müssen funktionieren, Material muss vorhanden sein, Beschaffung muss schneller werden und militärfremde Bürokratie gehört gestrichen. Politische Symbolprogramme müssen hinter dem Kernauftrag zurücktreten.
Dann braucht es gute Bezahlung, eine attraktive freiwillige Reserve und einen Wehrdienst, der jungen Menschen tatsächlich etwas bietet: Ausbildung, Verantwortung, körperliche Herausforderung und das Gefühl, für eine sinnvolle Aufgabe gebraucht zu werden.
Vielleicht melden sich dann mehr Freiwillige.
Falls nicht, wäre auch das eine Botschaft.
Eine freie Gesellschaft kann nicht ständig jede Form von Bindung, Pflichtgefühl, Stärke und Opferbereitschaft verdächtig machen und sich anschließend wundern, wenn niemand freiwillig für sie einstehen will.
Das Problem beginnt lange vor der Bundeswehr.
Wir sind bequem geworden. Körperliche Belastung gilt schnell als Zumutung, Disziplin als autoritär und Härte als charakterlicher Defekt. Viele wollen beschützt werden, aber möglichst nicht darüber nachdenken, wer den Schutz übernimmt.
Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die stark genug sind, sie zu verteidigen.
Sie braucht Verteidigungswillen, Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft, im entscheidenden Moment nicht davonzulaufen.
Das lässt sich fördern, Vorleben und Anerkennen.
Erzwingen lässt es sich nur äußerlich.
Wer einen jungen Mann in eine Uniform zwingt, hat noch keinen überzeugten Verteidiger gewonnen. Er hat zunächst einen Untergebenen geschaffen.
Die Politik sollte deshalb die Truppe ausrüsten, Strukturen reformieren, Prioritäten klären und den Dienst wieder zu etwas machen, für das sich Menschen freiwillig entscheiden können.
Freiheit fällt nicht vom Himmel. Sie muss verteidigt werden.
Doch eine Politik, die zur Verteidigung der Freiheit zuerst das Verfügungsrecht über den Menschen beansprucht, hat noch immer nicht verstanden, was sie eigentlich verteidigen soll.
Bleib frei im Kopf.
Kommentare
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