Film: Nolans Odyssee beeindruckt technisch, bleibt erzählerisch leer
Kritik trifft auf woken Vorwurf und verkürzte Adaption
2026 – Odyssee in Wokeness: Stand bei Nolan Homer Simpson Pate?
Schon gut, das nehme ich wieder zurück. Denn laut einer Meldung der Webseite „Moviepilot“ vom 2.8.2026 ist die Meinung des Publikums weitestgehend einhellig: Der neue Dreistünder des Ausnahmeregisseurs Christopher Nolan, der sich mit Filmen wie „Memento“, „The Prestige“, seiner Batman-Trilogie („Batman Begins“, „The Dark Knight“ und „The Dark Knight Rises“), „Inception“ und „Interstellar“ eine treue weltweite Fangemeine aufgebaut hat, soll ein „Beinahe-Meisterwerk“ sein.
Technisch gesehen mag das stimmen. Dass Nolan natürlich kein blutiger Amateur ist, hat er schon sehr früh in seiner Karriere bewiesen. Spätestens mit „Memento“ und seiner unkonventionellen Erzählweise erregte Nolan die Aufmerksamkeit eines globalen Publikums. Da scheint sich jemand nicht um Kino-Konventionen und -Klischees zu scheren, sondern seinen eigenen Weg gehen und eine individuelle Handschrift finden zu wollen, statt filmische Konfektionsware abzuliefern.
Auch der Erfolg von „Batman Begins“ (2005) rührte nicht zuletzt daher, dass Nolan das Risiko einging, die übliche Erzählweise solcher Filme ein wenig gegen den Strich zu bürsten und den titelgebenden Helden erst recht spät auftreten zu lassen – erzählt wurde zunächst dessen Vorgeschichte, auch wenn natürlich von Anfang an klar war, wer Bruce Wayne ist und in welche Rolle er später schlüpfen wird. Statt comicbunter Pang-Pow-Boom-Action wie z. B. in Joel Schumachers gründlich missratener Verfilmung „Batman & Robin“ (1997) mit einem George Clooney, der sich in der Hauptrolle sichtlich unwohl und fehl am Platz fühlte und dessen Geschichte offenbar auf LSD geschrieben wurde, gab’s bei Nolan erstmal Psychodrama, das die Motive nicht nur der Hauptfigur, sondern z. B. auch des Butlers (gewohnt souverän verkörpert vom großartigen Michael Caine) sowie vor allem des Antagonisten, Ra’s Al Ghul (Liam Neeson), genauer schilderte – was dem Film einen stärkeren Spannungsbogen verlieh und bewies, dass auch Comicverfilmungen narrative Tiefe haben können und nicht von technisch überzüchteten Spezialeffektgewittern überdröhnt werden müssen.
Der zweite Teil, „The Dark Knight“, wich im visuellen Ton vom Erstling ab. Wirkte Gotham City in „Batman Begins“ eher wie ein halbapokalyptischer urbaner Fiebertraum, so hätte das Sequel auch in einer x-beliebigen amerikanischen Metropole spielen können: Visuell stocknüchtern, die Hochhausfassaden in kaltem realistischem Stahlblau, und die Actionszenen hätten in ihrer furztrocken technischen Dynamik auch aus Michael Manns „Heat“ stammen können. Was übrigens kein Zufall war: Nolan erklärte in Interviews freimütig, dass Manns Thriller für die Fortsetzung Pate stand.
„The Prestige“ war oberflächlich gesehen „nur“ ein Film über zwei konkurrierende Magier, enthielt im Subtext jedoch einen Assoziationsreichtum, der so gut wie alle philosophischen, sogenannten Standardwerke über die Moderne und Spätmoderne durchblätterte. Ich vermeide den Begriff „Post“-Moderne, weil mit ihm zu viel Schindluder getrieben wurde und wird: Es ging seinem Schöpfer Lyotard eher um eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung, nicht um eine historische Epochen-Etikettierung. Jedenfalls denkt jeder halbwegs belesene Mensch in der letzten Szene dieses großartig gespielten und erzählten Filmes natürlich sofort an Benjamins „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, von Nolan zu einem subtil platzierten Seitenhieb auf die Filmindustrie umgemünzt. In Kurzform: Sequelitis kann Seelenverlust verursachen. Zu viele Klone tun Dir nicht gut, es droht Identitätsverlust.
„Inception“ wiederum, obwohl noch recht jung (erschienen 2010), hat seinen Platz unter den SciFi-Klassikern bereits sicher: Alleine die Idee, eine Handlung (im Finale) auf drei unterschiedlichen Zeit- bzw. Traumebenen spielen zu lassen, verdient für ihre Originalität schon Anerkennung, auch wenn das Thema Zeit sich bekanntlich durch das gesamte Schaffen des Regisseurs zieht. Was er mit „Tenet“ auf eine leider gründlich verunglückte, vermurkste Spitze trieb: Im Gegensatz zu „Inception“, in dem die Handlungen der Figuren sich aus zutiefst menschlichen Motiven speisen und somit nachvollziehbar und auch packend waren, wirkte „Tenet“ kalt, zu technisch und vor allem überkonstruiert. Als hätte Nolan mit aller Macht die komplexeste Geschichte der Welt mit den meisten Winkelzügen schreiben wollen. Wobei er über sich selbst stolperte: Der Film ist von Anfang bis Ende von schweren Logikbrüchen durchzogen, vor allem aber handelt es sich um einen Etikettenschwindel: Mit „Entropie“ und ihrer „Umkehrung“ hatte der Film nämlich nicht das Allergeringste zu tun. Entweder Nolan hat den Entropiebegriff überhaupt nicht verstanden oder nicht richtig recherchiert. Als Actionfilm durchaus genießbar, aber die naturwissenschaftliche Verbrämung hätte man sich komplett sparen können. Es war ganz einfach ein passabler Zeitreisefilm, mehr nicht.
Was die „Odyssee“ betrifft, war gerade nach den Hollywood-Exzessen der letzten Jahre in Sachen woker Geschichtsrevisionen und zuweilen fast schon fanatisch anmutender Casting-„Diversität“ erwartbar, dass schon der Trailer die obligatorischen „Shitstorms“ im Internet nach sich ziehen würde. Wie bitte: Ellen – oder Elliott – Page als Achilles? Nein, das war nur ein Gerücht. Lupita Nyong’o als Helena von Troja? You gotta be kidding. Eine schwarze Helena im antiken Griechenland?
Ganz ruhig: Als Kreativer ist es natürlich Nolans gutes Recht, die Geschichte so zu erzählen, wie er sie versteht, sie umzustrukturieren, Erzählebenen hinzuzufügen oder in zeitgenössischer Weise umzuinterpretieren, wie es ihm passt. Das sollte eigentlich kein Problem sein, Stichwort Kunstfreiheit: Natürlich „darf“ er das. Auch wenn es in seiner „Odyssee“ wie eine kalkulierte Anbiederung aussieht. Eine ganz andere Frage ist, ob der Film dann auch gut ist und dem literarischen Vorbild, auf das er sich bezieht, zumindest näherungsweise gerecht wird. In diesem Fall lieferte nicht Homer bzw. eine möglichst akkurate Übersetzung des Epos die Vorlage, sondern eine Neuübersetzung durch die britisch-amerikanische Altphilologin Emily Wilson, der Kritiker vorgeworfen haben, eine zu „zeitgeistige“, sprich „woke“ oder hardcorefeministische Fassung angefertigt zu haben. Um es noch einmal zu wiederholen: Das ist ihr gutes Recht, das ist Kunstfreiheit – außerdem wird niemand gezwungen, ihre Version zu lesen.
Ganz allgemein sollte hier gefragt werden, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein solches Epos auf drei Filmstunden verkürzen zu wollen. Eigentlich hätte man eine Trilogie aus drei Filmen dieser Länge machen müssen, um der Komplexität der Geschichte auch nur halbwegs gerecht werden zu können. Das gilt nicht nur für Homers Vorlage, sondern auch die von Wilson, was auch immer man von ihr halten will: Nicht umsonst warf sie Nolan bereits vor, er habe viele wichtige Aspekte ihrer Neufassung völlig unter den Tisch fallen lassen. In einer Kritik unter dem bezeichnenden Titel „An Uncomplicated Man“, veröffentlicht in der „London Review of Books“, schrieb sie wörtlich, dass „sie sich schämen würde, auch nur einen Teil dieses Drehbuchs geschrieben zu haben“. Eines ihrer Hauptargumente lautete, dass Nolans Adaption sämtliche moralische Komplexität und das psychologische Innenleben der Figuren ignoriert habe, die „Homers Epos seine Tiefe verleihen“. Sie monierte, seine Verfilmung sei zwar visuell beeindruckend (dank der Kamera des begnadeten Hoyte von Hoytema, auf dessen bildgebende Künste Nolan schon öfter zurückgriff), doch zeichne sich „durch seine übliche Mischung aus Grandiosität und Oberflächlichkeit aus.“ Die Vision des Filmes sei „zu verworren“, die Figuren seien nicht entwickelt genug, „obwohl er sehr gut darin ist, gewaltige Explosionen und riesige Giganten darzustellen.“
Wilson argumentierte ferner, dass der Film „nichts Überzeugendes über Zeit, Erinnerung, Geschichte, Krieg oder über die Beziehung zwischen der glorreichen Rückkehr eines Kriegers und dem Leben seiner Familie, seiner Gegner, Kameraden, Freunde und Nachbarn zu sagen hat“. Der Film habe keinerlei „psychologische, emotionale, politische und ethische Tiefe“, die Erzählstruktur sei „effekthascherisch“ und das „das Drehbuch miserabel“.
Ein Urteil, dem ich gerne zustimme – ich hatte ganz ähnliche Gedanken, als ich das Kino verließ. Trotzdem kann mir das alles nur ein Seufzen entlocken. Ich glaube, ich hatte es in einem meiner letzten Beiträge bereits erwähnt: Jesus, Maria und Josef – Hollywood ist eine Filmindustrie, keine Elite-Universität, kein Doktoratsstudium in Altphilologie und man wird mit „kalifornisierten“ Historienfilmen auch keine Professur in Literaturwissenschaft erlangen. Es ist in erster Linie Unterhaltung, die mal mehr, mal weniger gut gelungen sein kann, wenn es um geschichtswissenschaftliche Genauigkeit geht, aber mehr sollte man davon nicht erwarten. Wie gesagt: Einen Text wie die Odyssee in läppischen drei Filmstunden unterbringen zu wollen, kann nur zum Scheitern verurteilt sein. Es sei denn, Nolan wäre das Kunststück gelungen, die Kernaussagen entweder von Homers Vorlage oder Wilsons Übersetzung ins Englische z. B. zu einem Reigen hochverdichteter allegorischer Bilder zu verdichten – genau das aber ist nicht der Fall. Seine Odyssee bleibt erzählerisch blutleer. Dass die Verwandlung von Odysseus‘ Gefährten in Schweine durch die Zauberin Kirke in Nolans Version natürlich dazu herhalten muss, die gute Frau als mehr oder weniger patriarchalisch traumatisiertes Opfer darzustellen, das Männer in, nunja, eben genau die toxischen Schweinchen verwandelt, die sie gemäß dieses ideologischen Tunnelblicks auf die Welt nunmal zu sein haben, kommt ebenso oberschwellig daher wie zeitumständlich – auch wenn es clever inszeniert ist und nicht zu Unrecht als eine der gelungensten Szenen des Filmes gefeiert wurde.
Einer der ganz wenigen interessanten Drehs in Nolans Version ist, dass er es – ähnlich wie in „Inception“ – offenlässt oder zumindest andeutet, ob der titelgebende Charakter seine Reise wirklich erlebte, oder eher in einer Art deliriösem Traum von seinem Gewissen als kriegerischer, mordender, brandschatzender Wüstling geplagt wird: Manche der Götterfiguren, sofern sie in Nolans Film überhaupt Platz bekommen, wirken eher wie Projektionen einer schuldgeplagten Seele, wie Ausgeburten dessen, was man heute wohl als „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnen würde. Das wäre ausbaufähig gewesen, wirkt im Film jedoch eher fahrig, aufgesetzt und wird nicht wirklich konsequent ausformuliert. Abgesehen von ein paar gelungenen szenischen Einfällen und den bei einem Budget von satten 250 Millionen US-Dollar natürlich erwartbar hochwertigen „Production Values“ scheint Nolan – wie schon in „Tenet“ – hier über seine eigenen Ansprüche gestolpert zu sein: Die „Odyssee“ wirkt, als habe er sich an diesem Stoff ganz einfach verhoben.
Der Essayist und Filmkritiker Edward Curtin wiederum wirft Nolan sogar vor, dem Publikum ein Trojanisches Pferd eigener Art unterjubeln zu wollen:
„Nolans Film »The Odyssey« ist ein wahrer Genuss für alle, die sich für Trickster-Geschichten begeistern. Es ist ein spannender Actionfilm voller grotesker Monster, heftiger Seestürme und atemberaubender Gewalt – allesamt Klassiker der Sommer-Blockbuster. Vor allem Teenager, insbesondere diejenigen, die bereits über Grundkenntnisse der Geschichte verfügen, werden von Nolans Können bei der Inszenierung von Szenen, die auf der Leinwand regelrecht explodieren, besonders fasziniert sein. Das gilt auch für erwachsene Kinder. Sich von bedrohlichen Kreaturen täuschen und mitreißen zu lassen, ist sehr beliebt. [...] Nolans Ende, in dem Odysseus und Penelope sich darauf vorbereiten, in die untergehende Sonne hinauszusegeln, um für alle Sünden des Kriegers zu büßen, ist pures Hollywood. So endet das Buch nicht. Es ist Wunschdenken seinerseits, eine politische Aussage, von der er sich wünscht, dass sie wahr wäre – was sie aber nicht ist. Es ist ein Trick, ein Trojanisches Pferd, das dem Publikum als Geschenk untergeschoben wird, während seine kreative Täuschung – wenn man sie durchschaut – zum Tod einer Wahrheit führt, die schwer zu ertragen, aber notwendig zu hören ist: Die Mörder entschuldigen sich nicht. Sie segeln einfach weiter.“
Wer Nolans Odyssee lieben will, wird mehr als genug entsprechende Kritiken im Netz finden. Wer sie hassen will, ebenso. Gerade über diesen Stoff kann man nicht nur Analysen und Essays, sondern ganze Bücher schreiben – die es zu Homers Schaffen ja auch zur Genüge gibt. This is Hollywood, Baby – das schon immer dazu neigte, regelmäßig Filme zu produzieren, die im Fachjargon der Industrie auch als „Oscar Bait“ bezeichnet werden: Winke Winke, ich empfehle mich schonmal als heißer Anwärter für acht Oscars. „The Odyssee“, daran lässt Nolan keinen Zweifel, will genau das sein: Ganz große, „mehrfach prämierte“ Kunst. Dafür ist der Film letztendlich aber zu inhaltsarm, prätentiös und, auf gut Deutsch, verschwurbelt. Dass er dennoch zwei oder drei Trophäen abräumen wird – gerade wegen seiner Verzeitgeistigung – darauf kann man im politisch korrekt eingenordeten Hollywood dieser Tage wohl wetten.
Bis nächste Woche.
Kommentare
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