07. Juli 2026 16:00

Buchempfehlung „Wir wollten weg“

Vom real existierenden Sozialismus, der Staatssicherheit, dem Strafvollzug der DDR – und der Ausreise

von Christian Paulwitz drucken

Den real existierenden Sozialismus hinter sich gelassen?
Bildquelle: Amazon Den real existierenden Sozialismus hinter sich gelassen?

Vielleicht sehen Sie auf einer der kleineren oder größeren Demonstrationen, die immer wieder als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Entwicklung stattfinden, die Deutschland in den letzten, sagen wir einmal zwanzig Jahren genommen hat, ein Ehepaar im Alter von etwas über siebzig und einem Schild oder Transparent mit der Aufschrift „Nie wieder Sozialismus“ oder „Nie wieder DDR“. Der tagesschau- und talkshow-desinformierte westdeutsche Durchschnittsbürger mag über die aus deren Augen verschrobene Erscheinung vielleicht den Kopf schütteln. Schließlich lebt er ja seinem Glauben zufolge im Kapitalismus, der an seine Grenzen geraten ist und den Planeten zerstört, oder so ähnlich. Und natürlich lebt er in Angst vor den Gefahren für „unsere Demokratie“, die offenbar in fünf ganz bestimmten Bundesländern ganz besonders hoch zu sein scheinen – nicht etwa aufgrund deren Regierungen, wobei immerhin in einer dieser Landesregierungen derzeit die SED alias die „Linke“ direkt beteiligt ist und eine andere als Minderheitsregierung von ihrer Duldung abhängig. – Sollten die beiden Ihnen auffallen: sie wissen nur zu gut, wovon sie reden; und es ist hochaktuell.

Nach dem Mauerfall habe ich mich manchmal gefragt, wie dieses Ereignis Menschen erlebt haben mögen, die einige Zeit vorher unter persönlichen Opfern und Schikanen das Großraum-Gefängnis DDR hinter sich gelassen haben, um im Westen ein Leben in Freiheit aufbauen zu können, das nun ganz plötzlich jedem aus der Heimat ohne diese Schikanen offenstand. Seit ich Peter und Heidi kenne und auch vielleicht selbst ein bisschen reifer geworden bin, weiß ich, dass sich eine solche Frage gar nicht stellt. Niemand weiß um die Zukunft, und in der Gegenwart muss man tun, was sich einem als richtig eröffnet. Ohne die Menschen, die fortgegangen sind, wäre das DDR-System nicht zusammengebrochen, ebenso wenig wie ohne jene Unzufriedenen, die noch dort geblieben sind. Gewiss wäre der Zusammenbruch auch nicht in dieser Weise zum politisch günstigen Zeitpunkt geschehen.

Peter hat nun in einem Buch seine Erlebnisse in der DDR und die Entwicklung niedergeschrieben, die ihn und Heidi schließlich dazu gebracht haben, ihre Zukunft nicht mehr in der DDR sehen zu können und einen Ausreiseantrag zu stellen. Dass der Weg über Stasi-Verfolgung und möglicherweise auch Gefängnis gehen würde, war klar. Vorkehrungen wurden getroffen, am Plan konsequent festgehalten. Nach einer Zeit des Ignoriert-Werdens kam die Suche nach Gleichgesinnten, die schließlich unter einem Vorwand zur Anklageerhebung und Verurteilung führte. Im Februar 1984 Ausreise nach Freikauf durch die BRD.

Was das Buch gerade heute so wertvoll macht, ist zunächst die ausführliche Schilderung des Lebens in der DDR mit dem Versuch, einen Lebensweg zu finden, auf dem man sinnvoll tätig ist – was sich im System einfach als nicht möglich erweist. Die Deutsche Reichsbahn der DDR war übrigens fast schon so dysfunktional und unzuverlässig wie die Deutsche Bahn heute. Die Logik der zentralen Steuerung nach Plan ist abgetrennt von den Erfordernissen eines funktionierenden Ergebnisses. Wenn „der Staat“ plant, ist eben niemand verantwortlich. Oder von der anderen Seite betrachtet: jeder macht eben nur das, was im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten zu machen ist, ohne dass ihm ein Vorwurf gemacht werden kann. Schlamperei in der Produktionskette und Knappheiten bestimmen den Arbeitsalltag. So liest man beispielsweise, wie bei einem größeren landwirtschaftlichen Projekt zur Entwässerung Drainagerohre gelegt wurden mit einem anderen Durchmesser als für dieses Projekt errechnet, weil diese eben gerade da waren. Wer fühlt sich da nicht erinnert an die Verlegung falscher Kabel im Stuttgarter Bahnhof, über die vor ein paar Wochen berichtet wurde?

Notorische Knappheiten im privaten Alltag – das bekannte Schlangestehen, wenn es irgendwo etwas gab – führen zu unproduktivem Zeitaufwand für die Bewältigung des banalen Alltags. Der Handel mit Vergünstigungen entsteht – Leute, die einen Erstzugriff bei der Verteilung von Waren haben, können andere bevorzugen, die entsprechende Gegenleistungen zu erbringen imstande sind. Und nicht zuletzt die Auswirkungen der damals bereits jahrzehntelang praktizierten real-sozialistischen Form der Mietpreisbremse, die nicht nur zur desaströsen Knappheit des Wohnungsangebots überhaupt, sondern auch zu unerträglichen Wohnungszuständen geführt hat. Auf der Verlagsseite findet man ein paar beeindruckende Bilder dazu in der Dokumentation. – Ein Blick in die Vergangenheit oder doch in die Zukunft?

Es sind die ausführlichen, reflektierten Schilderungen, die das Buch so wertvoll und lesenswert machen. Im Vorwort wird man gewarnt, dass man das Buch als etwas ausschweifend empfinden könnte. Ich empfand das zu keinem Zeitpunkt so. Es ist vielmehr seine Stärke, dass es ein Bild zeichnet, das den Leser nachempfinden lässt.

Dann der Weg zur Verhaftung, U-Haft in Pankow, der Prozess und der Strafvollzug. Wenn man den Schilderungen folgt, lässt sich mitnehmen, dass man selbst im Ausgeliefertsein gegenüber der kriminellen Staatsmacht nicht so ganz hilflos ist, wenn man bei sich bleibt, mit klarer Linie. So kann man nicht ohne Grund Betrachtungen anstellen, wer weniger frei ist – der Inhaftierte oder sein Wärter. Zugegeben, das mag leichter fallen, wenn man mit einem gewissen Zeithorizont die Abschiebung als wahrscheinlichen Ausgang vor Augen hat. Die Schilderung der Arbeitsbedingungen bei der Metallverarbeitung in der Haft spiegelt jedoch so haarsträubende Bedingungen, dass einem bereits beim Lesen und den Gedanken an eine Routine Tag für Tag, Woche für Woche, ja Monat für Monat, bange werden kann. Unzureichend entwickelte Werkzeuge und das Fehlen selbst einfacher Schutzmittel wie geeigneter Handschuhe führen nicht nur den Druck der sanktionsbewehrten täglichen Planerfüllung, sondern auch die Gefahr bleibender körperlicher Schäden in gruseliger Weise vor Augen. Doch zumindest was die Planerfüllung betrifft, bietet das sozialistische System dem Findigen und sozial Kooperativen gewisse Möglichkeiten, ob im großen oder im kleinen Gefängnis. Hat natürlich nichts mit Produktivität zu tun, und auch nicht mit Sinn.

Schließlich die letzten Schritte bis zur Ausreise. Bizarr wirken die letzten formalisierten Vorgänge unter Aufsicht der Schergen des Systems, von denen man sich schließlich „verabschieden“ kann. Die Fahrt mit dem Bus in das Notaufnahmelager Gießen. Das Buch endet mit den Worten „Waren wir wirklich in der ersehnten Freiheit und Demokratie angekommen? Vierzig Jahre später sahen wir klarer. Fortsetzung folgt …“

Quellen:

Wir wollten weg : Niebergall, Peter: Amazon.de: Bücher

Foto-Dokumentation


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