Ideengeschichte: Todestrieb: Sozialismus einst und jetzt
Gewalt, Misserfolg und Ideologie
von Andreas Tögel drucken
Der Sozialismus kam nicht erst durch Karl Marx, seine Mitstreiter und Epigonen in die Welt. Schon im frühen 19. Jahrhundert gab es einschlägige Experimente – etwa initiiert durch Robert Owen (1771–1858) in Schottland. Ihm schwebte eine „gerechtere“ Produktions- und Lebensweise vor, die er in der Fabriksiedlung New Lanark umsetzte. Derselbe Mann gründete später in Indiana in den USA die kommunistische Kommune „New Harmony“ – inklusive der Abschaffung von Privateigentum und Wettbewerb. Bereits zwei Jahre nach ihrer Gründung scheiterte dieses erste kommunistische Experiment der Neuzeit.
Charles Fourier (1772–1837) entwarf „Phalanstères“, große kommunale Wohn- und Arbeitsgemeinschaften. Umsetzungsversuche in Frankreich und in den USA schlugen bereits nach kurzer Zeit fehl. Fourier gilt als einer der bedeutendsten utopischen Sozialisten.
Henri de Saint-Simon (1760–1825) war mit seiner Vorstellung eines „Nouveau Christianisme“ einer der ersten systematischen Theoretiker eines industriellen Sozialismus. Seine Anhänger, die „Saint-Simonisten“, bildeten sektenartige Gemeinschaften, in denen frühsozialistische Organisationsformen praktiziert wurden. All diese Projekte misslangen nach kurzer Zeit aufgrund innerer Widersprüche und praktischer Undurchführbarkeit.
Étienne Cabet (1788–1856), der ebenfalls zu den utopischen Sozialisten zählt, gründete ab 1848 mehrere kommunistische Siedlungen („Icaria“) in den USA. Dort herrschten striktes Gemeineigentum und eine egalitäre Lebensweise. Einige der Ikarier-Gemeinden existierten bis in die 1870er-Jahre.
Noch früheren Phänomenen wie der Getreideverteilung im antiken Rom oder mittelalterlichen Gütergemeinschaften fehlten alle theoretischen Grundlagen und umfassenden Geltungsansprüche, um als „sozialistisch“ in der heutigen Wortbedeutung eingeordnet zu werden. Auch utopische Entwürfe wie die von Thomas Morus (1478–1535), der 1516 „Utopia“ publizierte, können allenfalls als theoretische Vorläufer des neuzeitlichen Sozialismus gelten. Die Rolle des theologisch, nicht aber systematisch ökonomisch orientierten Thomas Müntzer (1489–1525) in den Bauernkriegen kann gleichfalls als die eines Vorläufers des modernen Sozialismus eingeordnet werden.
Karl Marx (1818–1883) verfasste seine grundlegenden theoretischen Schriften ab dem Jahr 1844, als er in Paris seine ökonomisch-philosophischen Manuskripte ausarbeitete, die zu seinen Lebzeiten nicht publiziert wurden. Darin wird, wie zuvor schon von Adam Smith, die Arbeit als Quelle des Werts identifiziert. Es folgten 1847 „Das Elend der Philosophie“, 1848 das zusammen mit Friedrich Engels verfasste „Manifest der kommunistischen Partei“, 1859 „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ und 1867 schließlich „Das Kapital“.
Den Kern seiner Theorie bildet die Analyse, dass die ökonomische Struktur einer Gesellschaft alle anderen gesellschaftlichen Bereiche dominiert. Der „Kapitalismus“ müsse aufgrund seiner inneren Widersprüche und der zahlenmäßig überlegenen „pauperisierten“ proletarischen Massen unausweichlich in eine sozialistische und schließlich in eine kommunistische Gesellschaft übergehen. Die Abschaffung der Klassen, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, in der der Staat letztendlich „abstirbt“, waren die im Detail nebulös gebliebenen Ziele. Wie die „Diktatur des Proletariats“ in der Praxis aussehen würde und was davon konkret zu erwarten war, hat Karl Marx der Nachwelt nie verraten.
Vladimir Lenin (1870–1924) und seine Nachfolger hatten klare Vorstellungen von den Erfordernissen zur Umsetzung der Theorie des Trierer Philosophen. Da nicht wenige Russen dem Fortschritt auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft halsstarrig im Wege standen, war es erforderlich, Gewalt anzuwenden. Ein von der durch Leo Trotzki (1879–1940) organisierten Roten Armee gegen die zaristischen Anhänger der alten Ordnung geführter Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Bolschewiken endete, forderte je nach Quelle zwischen sechs und zehn Millionen Todesopfer. Die meisten davon starben allerdings nicht durch Kampfhandlungen, sondern durch Hunger und Seuchen. Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.
Lenins Nachfolger, Josef Stalin (1878–1953), setzte das von Lenin begonnene Kollektivierungswerk fort, wobei er mit beispielloser Brutalität vorging. Nach gesicherten Quellen (1991 in Russland freigegebenes Archivmaterial) wurden bis 1953 knapp 800.000 Exekutionen vorgenommen, bis zu 1,7 Millionen Menschen starben im Gulag-System, 390.000 infolge der „Entkulakisierung“ und bis zu 400.000 bei Deportationen während der 1940er-Jahre. Diese Zahlen gelten als Mindestwerte, da sie nur die von der Bürokratie erfassten Todesfälle enthalten. Hinzu kommen die Opfer künstlich herbeigeführter Hungersnöte wie des Holodomor in der Ukraine und in anderen Regionen, die sich auf bis zu 6,5 Millionen summieren. Während des „Großen Terrors“ von 1936–1938 kam es zu rund 700.000 Erschießungen und etwa einer Million Deportationen in die Gulags. Insgesamt geht die Forschung von sechs bis zehn Millionen Todesopfern aus, die auf Stalins Konto gehen.
Mit einem radikalen Kollektivierungs- und Industrialisierungsprogramm trieb Stalin die Modernisierung des rückständigen Riesenreiches voran. Der Ausbau der Schwerindustrie wurde zum zentralen Prestigeobjekt des Regimes. Im Mittelpunkt des Programms standen die Stahlproduktion, die Kohleförderung, der Maschinenbau, die chemische Industrie und die Energieproduktion – hauptsächlich durch Wasserkraft.
Von 1958 bis 1962 versuchte Mao Zedong (1893–1976) mit dem „Großen Sprung nach vorn“, in China dem sowjetischen Beispiel nachzueifern. Fazit, je nach Quelle: 30–45 Millionen Tote.
Immerhin ist den Kommunisten in der UdSSR und in der VR China zuzubilligen, dass sie ein erstrebenswertes Ziel, nämlich die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen durch Modernisierung, anstrebten, wobei sie allerdings vor dem Einsatz unmenschlicher Mittel nicht zurückschreckten. Einzelne Menschenleben bedeuten in sozialistischen Systemen eben nichts.
Die Sozialisten dieser Tage, die sich meist selbst nicht als solche, sondern als Grüne, „Woke“, Umwelt- und Klimaaktivisten, Feministen, Kämpfer für Gendergerechtigkeit oder soziale Gleichheit verstehen, sind aus anderem Holz geschnitzt. Von der klassisch-sozialistischen Literatur der oben genannten Theoretiker oder den Überlegungen Proudhons, Lassalles, Luxemburgs oder Gramscis haben sie in aller Regel keine Ahnung. Was sie dennoch zu wissen glauben: Religion, Familie, Privateigentum und der „Kapitalismus“ müssen zerstört werden. Darüber, was an deren Stelle treten soll, herrscht unter Linken traditionell Ratlosigkeit. Kein Wunder, hat doch keiner von ihnen jemals im Interesse seiner Mitmenschen produktiv gearbeitet! Von der Produktion haben sie allesamt keine Ahnung, dafür aber umso mehr von der Umverteilung geraubter oder gestohlener Werte.
„Degrowth“ ist ein in diesem Milieu beliebtes Schlagwort. Schrumpfen. Das Ziel: die Bewahrung des Planeten vor der Verkochung mittels zwangsverordneter Senkung des Energieverbrauchs. Das läuft auf die radikale Dezimierung der Weltbevölkerung und ein Zurück in die ungeheizte Steinzeithöhle hinaus. Lastenrad und Muskelkraft statt Magnetschwebebahn. Wer’s nicht glaubt, der lese die Schriften oder lausche den Predigten von Leuten wie Ulrike Herrmann.
Einigendes Element aller linken Strömungen unserer Tage ist der abgrundtiefe Hass auf das Eigene und die Vergötzung alles Fremden – je rückständiger, desto besser.
Den Sozialisten und Kommunisten der Vergangenheit muss man den Versuch vorwerfen, die erratische Theorie eines Scharlatans mit Gewaltmethoden umzusetzen; den neidgetriebenen Linken dieser Tage ihren Kulturrelativismus, ihren Nihilismus und den Versuch der Zerstörung unserer in Jahrtausenden gewachsenen abendländischen Zivilisation.
Der große konservative Philosoph Roger Scruton bezeichnete die linken Denker des 20. Jahrhunderts (namentlich Adorno, Habermas, Horkheimer, Sartre, Foucault und Lukács) als „Narren, Schwindler und Unruhestifter.“ Der Mathematiker und Sowjetdissident Igor Schafarewitsch beschrieb die verschiedenen Erscheinungsformen des Sozialismus als „Todestrieb in der Geschichte“.
In der Tat ist von den zwischen ultrarot, rot, braun und grün changierenden Sozialisten in allen Parteien nichts anderes zu erwarten als die Herbeiführung von Mangel, Elend und Not sowie am Ende ihres Weges die Produktion von Leichenbergen.
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