23. September 2026 14:00

Politische Orientierung Was eint extrem Linke und vermeintlich extrem Rechte?

Kollektivistische Muster statt Gegensätze

von Andreas Tögel drucken

Zwischen Freiheit und Ordnung und dem Unterschied zwischen Individuum und Kollektiv
Bildquelle: Andreas Tögel Zwischen Freiheit und Ordnung und dem Unterschied zwischen Individuum und Kollektiv

Der experimentelle und avantgardistische Lyriker Ernst Jandl stellte einst in seinem Gedicht „Lichtung“ fest:

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht velwechsern.

werch ein illtum!

Jandl hatte recht! Nicht wenige verwechseln rechts mit links und sind sich ihres Irrtums nicht bewusst. In der Tat trägt einiges zu dieser Begriffsverwirrung bei. Ein paar Beispiele:

Erstens: In Griechenland koalierten von 2015 bis 2019 Linksextreme (SYRIZA) mit Rechtspopulisten.

Zweitens: In Österreich äußerte der „rechte“ FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache daraufhin größtes Verständnis für den postkommunistischen Vorsitzenden der SYRIZA, Alexis Tsipras.

Drittens: Die „rechtsextreme“ Marine Le Pen in Frankreich weinte vor Glück über den Sieg der Linken in Griechenland.

Viertens: Und kürzlich stimmten im Europaparlament weit rechts und weit links stehende Parteien gemeinsam gegen das Mercosur-Freihandelsabkommen mit einigen südamerikanischen Staaten.

Tatsächlich hat sich die Bedeutung der Begriffe im Laufe der Zeit verändert. Nicht wenige Theoretiker und Politiker haben sich um ihre Definition bemüht. Die Resultate hängen indes stark vom jeweiligen politischen Standpunkt ab. Aber wie kann es zu derart seltsamen Übereinstimmungen kommen, wie sie oben aufgeführt sind?

Das klassische Rechts-links-Schema stammt bekanntlich aus der Zeit unmittelbar vor der Französischen Revolution, als die Bewahrer der Monarchie auf der rechten und die Revolutionäre und späteren Königsmörder auf der linken Seite der Nationalversammlung von 1789 Platz nahmen. Aus dieser Zeit stammt die Einordnung, dass die Kräfte der Bewahrung rechts und die Progressiven links stehen, wobei sich die zentrale Frage bis heute darum dreht, welche Ungleichheiten politisch adressiert werden sollen und welche legitim sind oder als unabänderlich dastehen.

Die Menschen können ohne Weiteres unterschiedliche Positionen in wirtschaftlicher und sozialpolitischer Hinsicht einnehmen: Eine Person kann beispielsweise in Fragen der Ökonomie links und in Fragen der Einwanderung rechts stehen. Umgekehrt kann jemand für ein liberales Wirtschaftssystem eintreten und gleichzeitig linke Ansichten in sozialpolitischer Hinsicht teilen.

Die Sache ist allerdings etwas komplexer, als der Satz „Die Linken wollen mehr und die Rechten weniger Staat“ es nahelegt. Nicht wenige Rechte treten beispielsweise für einen starken und kostspieligen Staat ein, wenn es um Polizei, Militär und Grenzsicherung geht.

Nachdem die Linke – den Empfehlungen des italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891–1937, Mitgründer der Kommunistischen Partei Italiens im Jahr 1921) folgend – ihren Marsch durch die Institutionen erfolgreich abgeschlossen und die von ihm angestrebte „kulturelle Hegemonie“ errichtet hat, steht fest, dass ein radikaler Platztausch stattgefunden hat. Die Kräfte der Bewahrung stehen heute allesamt links. Alle machtpolitisch relevanten Institutionen (Polizei, Justiz, Schulen, Universitäten und Massenmedien) werden heute von woken grün-roten Linken beherrscht, die von ihrer Macht nicht mehr lassen wollen. Merke: Es ist kein Problem, sich in einen Linksstaat hineinzuwählen; es ist allerdings außerordentlich schwierig, wieder herauszukommen, wie das Beispiel Deutschlands gegenwärtig zeigt.

Zurück zur Frage, was linke und was rechte Positionen unterscheidet: Der konservative österreichische Kulturhistoriker, Politikwissenschaftler und Autor Erik Maria von Kühnelt-Leddihn (1909–1999) hat in seinem 1989 erschienenen Werk „Die Rechtgestellten Weichen – Irrwege, Abwege und Auswege“ einen umfassenden Katalog von Programmpunkten aufgelistet, der linke Positionen charakterisiert. Ein kleiner Ausschnitt daraus:

Materialismus – ökonomischer, biologischer, soziologischer Natur.

Völlige staatliche Kontrolle von Erziehung und Unterricht.

Versorgungsstaat von der Wiege bis zum Grab.

Antiliberalismus. Freiheitshass.

Antitraditionalismus. Man kämpft gegen die „Reaktion“.

Gleichschaltung der Massenmedien.

Abschaffung oder Relativierung des Privatbesitzes.

Verherrlichung der Mehrheit und des Durchschnitts.

Jagd auf „Verräter“.

Populismus und Uniformismus: Volksempfänger, Volkswagen, Volksdemokratien, Volksgerichte etc.

Berufung auf das demokratische Prinzip.

Ideologische Wurzel in der Französischen Revolution.

Einsetzung von Säkular-Riten als Religionsersatz.

Politisierung des gesamten Lebens.

Totalmobilmachung des Neids im Interesse von Partei und Staat.

Im Gegensatz dazu fällt die Charakterisierung rechter Positionen bei ihm sehr knapp aus:

Das Fehlen oder das Gegenteil dieser Prinzipien; vergessen wir dabei ja nicht, daß Extreme sich nie berühren. Da stehen wir vor einem sehr beliebten und daher schon überaus idiotischen Klischee. Als ob extrem groß und klein, kalt oder heiß oder das Leben in Rumänien und in Liechtenstein einander ähnlich wären.

Die klassisch-eindimensionale Darstellung des politischen Spektrums auf einer Geraden wird den heutigen Gegebenheiten nicht mehr gerecht. Und der Versuch, mittels einer Hufeisenform der Darstellung eine Annäherung von extrem linken und extrem rechten Positionen zu suggerieren, ist nichts weiter als ein Trick.

Mittels eines zweidimensionalen Diagramms, in dem die x-Achse die Positionierung vom Kollektiv zum Individuum und die y-Achse die Positionen von Freiheit zu Ordnung abbildet, kommt dagegen Licht ins Dunkel. Die auf diese Weise gebildeten vier Quadranten stehen für den egalitären Quadranten (eingerahmt von Freiheit und Kollektiv), den autoritären (eingerahmt von Ordnung und Kollektiv), den konservativen (eingerahmt von Ordnung und Individuum) und den liberal-libertären Quadranten (eingerahmt von Individuum und Freiheit). Zur Illustration stelle man sich die Konterfeits typischer Protagonisten vor: Im egalitären Quadranten findet sich Karl Marx, im autoritären erscheinen Josef Stalin und Adolf Hitler (Stalin mehr zum Kollektiv, Hitler weiter zur Ordnung tendierend), im konservativen Edmund Burke (der Gründer der konservativen Partei im UK) und im liberal-libertären Quadranten die Herren Hayek, Mises und Hoppe.

Der oben stehende Katalog für „links“ passt in den autoritären Quadranten, womit klar wird, dass es sich bei Nationalsozialisten und Kommunisten in Tat und Wahrheit um verfeindete Zwillingsbrüder handelt – um zwei Seiten derselben Medaille. In beiden Fällen geht es um kollektivistische Systeme, die auf Exklusion, Intoleranz, Gewalt und Zwang gründen. Tatsächlich also berühren sich keineswegs die an entgegengesetzten Enden des politischen Spektrums befindlichen Extreme, wie vielfach fälschlich angenommen wird; vielmehr gehören sie in dieselbe Kategorie.

(Der vorliegende Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 18. September 2026 vor der Property and Freedom Society in Bodrum gehalten hat.)


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