27. März 2024 12:00

Terror Leidtragende sind immer die Bevölkerungen

Und das in mehrfacher Hinsicht

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: Bitkov Vladimir / Shutterstock Ein Blumenmeer nach jedem Terroranschlag: Mindert nicht die unendliche Trauer der Betroffenen

„Die Terrormiliz IS bekannte sich zum Anschlag.“ Lang ist’s her, dass man diese Sätze lesen oder hören durfte. Scheint, als wäre der internationale Terrorismus wieder da, diesmal in Moskau, der Regierungshauptstadt des Landes. Er hatte sich lange nicht gemeldet. Vielleicht aus Angst vor dem „neuartigen Coronavirus“.

Es versteht sich von selbst, dass unmittelbar danach nur wenig Zeit bis zur üblichen Lagerbildung verstrich: Im Mainstream wurden mögliche Motive auf russischer Seite gesucht (was keine unberechtigte Frage ist), und bei den Alternativen bettelten die üblichen Verdächtigen ihre Mitmenschen mal wieder um Spendengelder an für die herausragende analytische Leistung, auf einer Beweisgrundlage aus reiner Gebirgsluft Pawlow’schen Westschuld-Reflexspeichel in kompakte Form zu pressen. IS doch klar: Kann eigentlich nur Washington/Nato/CIA gewesen sein. Wer sonst – die stellen schließlich auch Campari her.  

Hoher Unterhaltungswert war jedenfalls wieder einmal garantiert, und Drehbuchautoren auf der Suche nach Inspiration brauchen nur Sozialmedien abzuklappern: Es wurden sogar die Liedtexte der Band „Piknik“, die in der „Crocus City Hall“ auftrat, die zum Ziel des Anschlags wurde, nach „Vorzeichen“ oder „Andeutungen“ abgesucht. Könnte ja sein, dass die Musiker Mitglieder der Illuminaten sind, von mir aus gerne auch Shapeshifter-Eidechsen aus der neunten Dimension, oder vielleicht hat Großmeister Jacques de Molay aus dem Jenseits mal wieder ein bisschen Terror zusammengetemplert? Wurden auf den Plattencovern der Band satanische Symbole gesichtet? Hat Nostradamus etwas geahnt? Gibt die Johannes-Offenbarung etwas dazu her oder die Prophezeiungen einer 110-jährigen Hellseherin aus dem Nordkaukasus von 1870? Und falls nicht, na dann eben die Packungsbeilage handelsüblicher Kopfschmerzmittel?

Wirklich fest steht bislang nur eins: Der Anschlag wird politisch ausgeschlachtet werden, ganz unabhängig davon, ob daran gedreht wurde oder nicht. Danach kann man seine Uhr stellen, und das allein sollte genug Anlass zur Hellhörigkeit geben. Ob man ihn nutzen wird, um militärisch zu eskalieren, härter gegen das Internet vorzugehen – schließlich hatte die Terrortruppe sich ja auf Telegram zur Tat bekannt, wie „ntv“ am 22. März berichtete – irgendwelche neuen Gesetze zur Bekämpfung von „Geldwäsche, Korruption und Terrorismus“ zu verschärfen oder vielleicht auch „nur“, um die Kulisse der „Polykrise“ aufrechtzuerhalten (Klima, Krieg, Terror, und täglich grüßt das Virentier), damit die lieben Kleinen bloß keine Verschnaufpause bekommen, ist eigentlich schon egal. Es sind doch alte Erkenntnisse: Mit Angst kann man prima regieren, und eine gute Krise lässt man nicht ungenutzt verstreichen – das gilt für alle Breitengrade, nicht nur im Westen. Kein Wunder also, dass gleich nach dem Anschlag in Moskau auch bei uns ganz selbstverständlich auf die „nach wie vor hohe Bedrohungslage“ durch Terrorismus hingewiesen wurde, nachdem man jahrelang einfach alles einreisen ließ, was Füße hat.

Da vier Tatverdächtige ja schon dingfest gemacht wurden und sich derzeit in Folterhaft befinden, hätte ich dazu auch gleich eine Frage: Hat man in ihren Wohnungen eventuell, so wie neulich bei einer RAF-Terroristin in Deutschland, Gold gefunden? („Ermittler sollen mehr als ein Kilo Gold in Wohnung von RAF-Terroristin gefunden haben“, rbb24, 8. März 2024). Vielleicht auch noch, wie in solchen Fällen üblich, mehrere Hunderttausend in bar?

Um „Russlands 9/11“, wie manche tatsächlich schon behaupteten, handelt es sich allerdings nicht. Wäre auch schwer möglich, denn das gab es schon: Der Kreml hatte sein „9/11“ mit den Bombenattentaten auf mehrere Wohnhäuser im Jahre 1999 (in Moskau, Buinaksk, Wolgodonsk und Rjasan), bei denen schätzungsweise 370 Menschen ihr Leben verloren und mehr als 1.000 weitere verletzt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war Putin eher ein unbekannter Bürokrat, ein „mausgrauer“ KGB-Mann, der zum Beispiel in Dresden neue Agenten für die Stasi rekrutierte und Operationen in Westdeutschland überwachte, aber den meisten Russen sagte er nichts.

Die Anschläge wurden „tschetschenischen Separatisten“ angelastet und dienten zur Rechtfertigung des zweiten Tschetschenienkrieges. Putin gewann dadurch enorm an politischer Statur und wurde zum „Starken Mann Russlands“ aufgebaut. Vermutungen wurden laut, die Anschläge könnten vom FSB inszeniert worden sein, um einerseits den Tschetschenienkrieg führen und zweitens ihren Frontmann Putin auf den Präsidentenstuhl hieven zu können. Es gab viele unbeantwortete Fragen um die Herkunft des Sprengstoffes; die russischen Behörden verwickelten sich mehrfach in auffällige Widersprüche; die russische Regierung blockierte die Untersuchung, wo sie nur konnte, und einige neugierige Duma-Abgeordnete, die nicht lockerlassen wollten, verstarben plötzlich.

Dass Regierungen Informationen zu vertuschen versuchen, Untersuchungen behindern oder Angehörigen von Strafverfolgungsbehörden, die kompromittierende Informationen ausgraben, berufliche Konsequenzen androhen, ist natürlich keine russische Spezialität: Das geschah ja schon im Vorfeld rund um den 11. September 2001. Ranghohen FBI-Beamten, die der al-Qaida hart auf den Fersen waren, wurden weitere Schritte in dieser Richtung untersagt; einer dieser FBI-Beamten sagte später in einem Interview, er habe sich des Eindrucks nicht erwehren können, „mächtige Interessen“ hätten seine Untersuchungen behindert; Warnungen ausländischer Geheimdienste vor möglicherweise bevorstehenden Anschlägen wurden von Washington geflissentlich ignoriert (so wie nun Putin ausländische Warnungen in den Wind schlug); manche Augenzeugen des 11. September, die eindringlich darum baten, vom eigens dafür eingerichteten Untersuchungsausschuss (der „9/11 Commission“) angehört zu werden, wurden nie vorgeladen et cetera et cetera.

Nun steht natürlich wieder die beliebte Frage „Cui bono?“ im Raum. Wäre denkbar, dass hier gemauschelt wurde?

„Noch nie haben russische Sicherheitsbehörden die Folgen ihrer Folter derart prominent und stolz veröffentlicht, wie bei den Verdächtigen des Moskauer Anschlags“, schrieb Pavel Lokshin in der „Welt“ am 25. März „Die Grausamkeit zeigt: Russland muss davon ablenken, dass der FSB und die russischen Sicherheitsbehörden spektakulär versagt haben.“

Haben sie das? Ich wäre mir da lieber nicht so sicher.

Fakt ist, dass viele Russen den Ukrainekrieg leid sind. Bei den jüngsten „Wahlen“ zum Beispiel demonstrierten Tausende dagegen, wofür sie von der Staatsmacht sogleich hartgemangelt wurden. Putin verlor stetig an Rückhalt in der Bevölkerung. Und das nicht nur wegen des Krieges, sondern auch, weil Russland unter seiner Führung sich in ein Vorzeige-Panoptikum zu verwandeln droht: Russischen Bürgerrechtsgruppen schmeckt der unter Putins Anleitung beschleunigte Marsch in die Überwachungsgesellschaft so gar nicht. Der „Meinungskorridor“ wird enger. Ich kann mir die sarkastische Bemerkung nicht verkneifen, dass ich vom Wahlergebnis enttäuscht war: Statt (angeblicher) 87,3 Prozent für Wladimir Wladimirowitsch hatte ich eigentlich mit 99,9 Prozent gerechnet. Schließlich hatte das „Team Putin“ entsprechende Vorarbeit geleistet: Einschüchterung und Bedrohung von Oppositionspolitikern waren an der Tagesordnung, sodass selbst 100%ige Zustimmung nicht überraschend gewesen wäre …

Kurz nach dem Anschlag wurden elf Tatverdächtige ausfindig und, wie bereits erwähnt, vier davon dingfest gemacht. Einer oder zwei davon sollen – wer hätte es je vermutet? – Verbindungen „zur ukrainischen Seite“ gehabt haben. Und schon wird in kremlkontrollierten Staatsmedien gepoltert. Das schweißt uns nur noch fester zusammen!

Es kommt also auf die Perspektive an, denn aus dem Blickwinkel reaffirmierten Vertrauens in die Staatsmacht und zur Ablenkung von hausgemachten Problemen wären dieser Anschlag und seine propagandistische Verwurstung kein Versagen, sondern könnten sich als Booster erweisen (so wie damals 9/11 in Washington eilends dazu genutzt wurde, um bereits lange vor den Anschlägen existierende Pläne für Auslandskriege einer traumatisierten Bevölkerung leichter andrehen zu können). Und würde auch erklären, warum der Kreml Warnungen einfach ignorierte.  

Würde mich allerdings jemand fragen, was mir mein Instinkt sagt, müsste ich antworten: Ich glaube, es geht dabei letztendlich gegen die Bevölkerungen selbst, und zwar in Ost wie West: Lebt in Angst, haltet die Schnauze und schluckt gefälligst alles, was wir euch an Gesetzen geben.

Bis nächste Woche.


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