10. Januar 2026 11:00

Psychologische Grenzen der Philosophie Linke Mythen: Der zwanglose Zwang des besseren Arguments

Jürgen Habermas und die Diskursethik in der kritischen Betrachtung

von Ralf Blinkmann drucken

Echo und Narziss
Bildquelle: Eigenes Bild Echo und Narziss

Linke Mythen: Der zwanglose Zwang des besseren ArgumentsJürgen Habermas ist der bedeutendste Vertreter der in marxistischer Tradition stehenden Frankfurter Schule, weil es ihm gelang, diese mit seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ auch international bekannt zu machen. Er ist der am häufigsten zitierte noch lebende deutsche Philosoph. Es ist ihm gelungen, einen neuen linken Mythos zu erschaffen, der üblicherweise auf die Formulierung gebracht wird, es gebe „einen zwanglosen Zwang des besseren Arguments“. Habermas behauptet nicht, damit eine Realität zu beschreiben. Er behauptet, dass dieser Satz eine universelle normative Ethik beschreibe, die er „Diskursethik“ nennt. Der Satz beschreibt also ein Sollen, kein Sein. Habermas sieht sich selbst damit in der Tradition von Immanuel Kant, der ja mit seinem kategorischen Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ ebenfalls die allgemeine Geltung einer moralischen Norm behauptet hatte.

Tatsächlich hat Habermas’ Idee abgesehen vom Universalitätsanspruch mit der von Kant nichts zu tun. Für Kant ist sein kategorischer Imperativ insofern universell, als dass jedes autonome Individuum durch Vernunftgebrauch zu seiner Erkenntnis gelangen könne. Moral gibt nicht „die Gesellschaft“ dem Einzelnen, sondern dieser sich selbst. Demgegenüber behauptet Habermas, moralische Geltung entstünde zwischen Menschen, die Vernunft selbst sei intersubjektiv, nicht introspektiv. Moral sei nicht schon immer im Individuum, sondern entstehe in der Kommunikation zwischen Individuen.

Habermas unterscheidet drei „Welten“, auf die der Mensch kommunikativ Bezug nehmen kann: die objektive Welt, die soziale Welt und die subjektive Welt. Der Mensch erhebt in der sprachlichen Kommunikation darauf bezogene „Geltungsansprüche“, in gleicher Reihenfolge: Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit. Unter der Bedingung eines herrschaftsfreien Diskurses, also bei Abwesenheit von äußerem Zwang, einigen sich die Kommunikationsteilnehmer dann auf deren Gültigkeit, weil das bessere Argument zwingend sei. Geltung entsteht also immer nur im Konsens, insbesondere auch Wahrheit. Ein Individuum allein hat keinen Zugang zu Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit. Unwahrheit, Unrichtigkeit und Unwahrhaftigkeit mögen diesem nicht bewusst sein, doch „das Unbewusste ist die Rede des Anderen“. Obwohl Habermas den Strukturalisten Lacan kritisiert, sagt er hier faktisch das Gleiche wie dieser. Nur konsensual gefundene Richtigkeit ist auch legitim. Ein einzelnes Individuum kann also nicht herausfinden, was legitim ist.

Das bedeutet jedoch, dass Herrschaftsfreiheit schon gegeben sein muss, um zu legitimen Festlegungen zu gelangen. Legitim kann eine Festlegung nicht schon dadurch sein, dass sie ermöglichen würde, Herrschaftsfreiheit erst herzustellen, denn hat ein Kommunikationsteilnehmer Angst, dominiert oder manipuliert ihn ein anderer, hat einer nicht alle relevanten Informationen, ist es nicht möglich, herauszufinden, was stimmt. Diese Sichtweise ist selbst innerhalb der Linken nicht konsensfähig. Foucault zum Beispiel ist der Meinung, dass Diskurse immer durch Machtstrukturen geprägt seien, es also keinen herrschaftsfreien Diskurs geben kann. Auch er sieht die Wahrheit als ein Ergebnis von Diskursen, da jedoch verschiedene Gruppen in verschiedene Machtstrukturen eingebettet sind, haben sie jeweils andere Wahrheiten. Keine Wahrheit existiert unabhängig von partikularen sozialen Gruppen, es gibt keine Wahrheit für die Großgruppe der Menschheit. Der unter anderem auf ihn zurückgehende, derzeit in der Linken dominierende identitätspolitische Partikularismus ist das direkte Gegenteil von Habermas’ Universalismus und wird von ihm folgerichtig auch kritisiert.

Habermas kann aber nicht erklären, warum jemand auf Zwang verzichten sollte, wenn er sich damit durchsetzen kann. Es reicht immer einer dafür, dass eine Festlegung nicht universell ist. Trotzdem hat Habermas viel Aufmerksamkeit bekommen. Hans-Hermann Hoppe hat 1974 bei ihm promoviert, vermutlich hat ihn der universalistische Grundansatz angezogen, den er ja auch heute noch vertritt. Anders als Habermas versucht er aber, aus der Struktur des kommunikativen Handelns das Selbsteigentum, die ursprüngliche Aneignung sowie das Nichtaggressionsprinzip zu begründen, indem er zeigt, dass deren Nichtanerkennung zu einem performativen Widerspruch führt. Einige Interpreten nennen das „Argumentationsethik“.

Habermas’ Universalismus ist eine Wiederkehr hegelianischen Denkens, welches in der Geschichte ein Entwicklungsgesetz zu erkennen meint. Habermas behauptet, dass sich die Gesellschaft zwangsläufig in die Richtung zu immer mehr Diskursfreiheit entwickeln würde, das Ideal also früher oder später Wirklichkeit werde. Er behauptet also nicht, dass seine Diskursethik heute schon verwirklicht sei, doch Gesellschaften würden zwangsläufig zunehmend durch rationale Begründung statt durch Tradition konstituiert. In jedem Kommunikationsakt sei die Möglichkeit eines herrschaftsfreien Diskurses immer bereits vorausgesetzt. Was bei Hegel der Geist ist, der zum „An-und-für-sich-sein“ gelangt, ist bei Habermas die Sprache, die sich selbst schließlich in Herrschaftsfreiheit verwirklicht.

Das passt allerdings nicht zur Natur der menschlichen Psyche. Das Unbewusste ist nicht die Rede des Anderen, sondern der menschliche Normalzustand. Neuropsychologische Schätzungen besagen, dass 90 bis 95 Prozent aller menschlichen Handlungen automatisiert, das heißt ohne Beteiligung des Bewusstseins ablaufen. Evolutionspsychologie und Neurowissenschaft zeigen, dass moralische Dispositionen wie Empathie, Fairness, Reziprozität (Kooperation) sowie Aversion gegen grundlose Aggression angeboren sind. Sie werden zwar kulturell überformt und sprachlich ausgestaltet, entstehen aber eben nicht ausschließlich sozial. Die Prozesse, die wir gemeinhin als rational bezeichnen, sind ohne emotionalen Input nicht möglich. Deshalb argumentieren Menschen niemals rational in dem Sinne, dass außen vor bliebe, was ihnen ihre Emotion sagt. Die Vernunft ist ohne Zweifel das einzige Instrument, welches uns unsere Natur zur Verfügung stellt, um mit anderen Menschen in komplexer Weise kooperieren zu können, doch folgt daraus nicht, dass das immer funktioniert oder dass eines Tages ein Zustand eintritt, wo es dann funktioniert. „Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich. Wer kann es ergründen?“ (Jeremia 17,9)

Ein Mensch ist nur handlungsfähig und damit auch zu vernünftigen Sprechakten fähig, wenn er einen inneren Kompass hat, welcher ihm sagt, was zu tun ist. Dazu gehört auch sein Selbstbild, welches ihm vergewissert, dass er Kontrolle hat, kompetent ist und die Welt versteht. Das Selbstbild stiftet Identität, Sinn und Selbstwert. Ein instabiles Selbstbild erzeugt Kontrollverlust und Angst. Der darauf basierende Formenkreis wird gemeinhin als „Narzissmus“ bezeichnet. Narzissmus äußert sich als Grandiosität oder Verletzlichkeit oder abwechselnd in beidem. Die Rede des Anderen kann erfahrungsgemäß leicht als eine Bedrohung des Selbstbildes verstanden werden, und das hat noch nicht einmal etwas mit Zwang zu tun! In dem Fall werden fundamentale Emotionen aktiv, und die Vernunft wird in ihren Dienst gestellt. Es wird nicht mehr nach Universalien gesucht, sondern das Selbstbild verteidigt.

Scheitert also ein universalistischer Ansatz an der menschlichen Psyche? Nein, die Frage ist nur, wo man Universalien zu suchen hat. Die narzisstische Kränkbarkeit des Menschen ist zum Beispiel so eine Universalie, welche unter anderem auch seine schockierende Gewaltbereitschaft erklärt. Ganz allgemein ist die Idee, der auch Habermas anhängt, der Mensch sei weitestgehend eine soziale Konstruktion, falsch. Der Mensch hat eine Natur, die kulturell nur überformt wird, dadurch jedoch nicht verschwindet. In dieser Natur, nicht in der Natur der Sprache, sondern in unserer vorsprachlichen Natur, finden wir sowohl das, was die Menschen trennt, als auch das, was sie miteinander verbindet. Was sozial konstruiert ist, ist nicht universell.

Quellen:

Linke Mythen: Geschichte wird gemacht, es geht voran!

Linke Mythen: Empört euch!

Linke Mythen: Das nächste Mal machen wir es besser


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