Gewaltherrschaft: Der König der letzten Tage
Die Münsteraner Anabaptisten und ihr Abrutschen in die Tyrannei
von Oliver Gorus drucken
In den stürmischen Jahren der Reformation ereignete sich in der westfälischen Bischofsstadt Münster ein Schauspiel, das bis heute als warnendes Gleichnis menschlicher Hybris nachhallt. Es war das Jahr 1534, siebzehn Jahre, nachdem Luther seine Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen hatte, da wurde die Stadt an der Aa zum Schauplatz eines Experiments, das mit edlen Motiven begann und in einem Abgrund aus Fanatismus und Gewaltherrschaft endete.
Die Geschichte der Anabaptisten – jener „Wiedertäufer“, die sich gegen die Kindertaufe auflehnten und eine urchristliche Gemeinschaft erträumten – ist keine bloße Episode der Kirchengeschichte. Sie ist ein Drama von individueller Auflehnung, die in kollektive Tyrannei umschlug und heute, fast fünf Jahrhunderte später, noch immer bedeutsam für uns ist.
Alles fing harmlos, ja fast hoffnungsvoll an. Martin Luther hatte die Bibel in die Hände des Volkes gelegt; die Schweizer Reformatoren predigten von der reinen Schrift. In Münster fand diese Sehnsucht nach persönlicher Verantwortung einen besonders empfänglichen Boden. Der Prediger Bernhard Rothmann, ein charismatischer Augustinereremit, der sich zum Lutheraner gewandelt hatte, stieg auf die Kanzel der Lambertikirche und rief: Jeder Mensch müsse selbst entscheiden, wann und wie er getauft werde! Nicht die Kirche, nicht der Bischof, nicht die Tradition, nur das Gewissen könne über die eigene Taufe bestimmen. – Hier ging es nicht um Dogmen allein, sondern um Widerstand gegen eine Hierarchie, die die Gläubigen wie unmündige Kinder behandelte. Die Täufer, die aus den Niederlanden und Friesland herbeiströmten, sahen in der Erwachsenentaufe den Akt wahrer individueller Freiheit – ein Bekenntnis, das man nicht erben, sondern nur selbst wählen konnte.
Doch der Umwälzung folgt allzu oft die Übertreibung. Im Februar 1534 übernahmen die Täufer den Rat der Stadt. Münster wurde zum „Neuen Jerusalem“ erklärt. Alle Katholiken und gemäßigten Protestanten wurden vertrieben oder mussten sich zwangsweise umtaufen lassen. Bilder wurden von den Altären gestürzt, Bücher – außer der Bibel – brannten auf Scheiterhaufen. Und dann kam die größenwahnsinnige Vision: Jan Matthys, ein niederländischer Bäcker und selbsternannter Prophet, verkündete, Christus werde in Kürze wiederkommen, und Münster sei der Ort der Erlösung.
Tausende strömten herbei, darunter Handwerker, Bauern, Frauen auf der Suche nach einem Leben jenseits der alten Fesseln. Sie alle glaubten an die von den Täufern verheißene große Gleichheit: Gütergemeinschaft nach dem Vorbild der Apostel. Niemand sollte mehr besitzen, was der andere entbehrte. Da war er, der kommunistische Traum, über 300 Jahre vor dem kommunistischen Manifest von Marx und Engels – radikal, rein und schon damals äußerst verführerisch.
Extremismus verwandelt Träume stets in Albträume, natürlich nahm das Unheil seinen Lauf. Als Matthys bei einem tollkühnen Ausfall gegen die Belagerer des Fürstbischofs Franz von Waldeck fiel, übernahm sein Nachfolger: Jan van Leiden, ein charismatischer Schneider, ein Mann von blendender Redegewalt und maßlosem Fanatismus. Er krönte sich selbst zum König des „Reiches Zion“.
Die Gütergemeinschaft, die ursprünglich als Akt brüderlicher Liebe gedacht war, wurde zum kollektivistischen Zwangsinstrument: Wer sein Eigentum nicht teilte, galt als Verräter. Die Freiheit der selbstgewählten Taufe verkehrte sich in Zwangstaufe für alle. Und noch mehr: Weil nach Vertreibungen und Kämpfen dreimal so viele Frauen wie Männer in der Stadt lebten, führte van Leiden die Polygamie ein – bis zu sechzehn Frauen für ihn, den König selbst.
Wer sich den Zwängen verweigerte, wurde hingerichtet. Wer zweifelte, dem wurde die Zunge herausgerissen. Die Stadt Münster wurde zum Gefängnis eines theokratischen Wahnsinns. Wachen patrouillierten, Spione lauerten, und über allem schwebte die apokalyptische Gewissheit: Wer nicht mit uns ist, ist gegen Gott!
Die Belagerung der Stadt durch die Truppen des Bischofs – ein Bündnis aus katholischen und lutherischen Kräften, vereint im Hass auf diese „Monster“ – dauerte Monate. Hunger fraß sich durch die Häuser, Leichen lagen auf den Straßen. Doch der Fanatismus hielt die Täufer zusammen, bis zum Verrat: Im Juni 1535 öffnete ein Überläufer ein Tor. Die bischöflichen Truppen drangen ein, es folgte ein Blutbad.
Jan van Leiden, der „König der letzten Tage“, wurde gefangen genommen. Zusammen mit seinen engsten Gefährten – dem Schmied Bernd Knipperdolling und dem Prediger Bernd Krechting – erwartete ihn ein Ende von grausamer Theatralik. Am 22. Januar 1536 wurden sie auf dem Prinzipalmarkt öffentlich gefoltert: Ihre Zungen wurden herausgerissen, glühende Zangen zerfetzten ihre Leiber, bis der Tod sie erlöste. Dann hängte man ihre Leichen in drei Eisenkäfigen am Turm der Lambertikirche auf – die Käfige hängen dort bis heute über der Kirchturmuhr.
Die Tragödie der Münsteraner Anabaptisten ist ein Lehrstück, sie begann mit dem edelsten Impuls: dem Widerstand des Einzelnen gegen autoritäre Fremdbestimmung, dem Wunsch, Glaube und Leben selbst zu gestalten. Doch dieser Impuls löste sich vom menschlichen Maß und schlug um in Fanatismus. – Die Gütergemeinschaft, gedacht als Befreiung von Habgier, wurde zur totalitären Enteignung. Die Vielweiberei, gerechtfertigt mit biblischen Zitaten, wurde zur sexuellen Diktatur. Die Apokalypse, ersehnt als Erlösung, wurde zur Rechtfertigung von Terror. Wer die Welt radikal erneuern will, ohne die Schwäche des Menschen einzurechnen, der schafft nicht das Paradies, sondern die Hölle auf Erden.
Und genau diese Lehre behält ihre Gültigkeit. Heute machen wieder utopische Visionen die Runde – bedingungsloses Grundeinkommen, Vereinigte Staaten von Europa, digitale ID und digitales Zentralbankgeld, jedem Menschen ein eigener Roboter, Artificial General Intelligence, Kampf gegen Rechts und Verbot der Opposition, Klima-Apokalypse, CO2-Ablasshandel, Deindustrialisierung …
Die Münsteraner Käfige an der Lambertikirche mahnen: Von der Hybris bis zur Tyrannei sind es nur ein paar kleine Schritte.
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