20. März 2026 06:00

Religion und Gesellschaft 20 Ist Atheismus eine Alternative?

Alternativen 2

von Stefan Blankertz drucken

Immanuel Kant diskutiert mit Gott
Bildquelle: e-Redaktion Immanuel Kant diskutiert mit Gott

Der enge Pakt von Thron und Altar, das Paktieren der Religion mit der herrschenden Ausbeutung, Unterdrückung und Kriegsführung, erregte im Laufe der Aufklärung Anstoß und regelrechten Widerwillen. Zusammengenommen mit den Fortschritten von Wissenschaft, Technik und Medizin ergab sich ein starker Impuls, den Gottesglauben insgesamt über den Haufen zu werfen und stattdessen den Atheismus zu verkünden: Es gibt keinen Gott. Die Atheisten verwarfen nicht die Ethik, im Gegenteil, sie verurteilten die Religion als unethisch und setzten auf den Humanismus: Der Mensch sei (dem antiken griechischen Philosophen Protagoras folgend) das Maß aller Dinge, und was zähle, ist einzig eine menschliche Ethik. Zu dieser Entwicklung trugen auch solche Theologen bei, die mit dem Instrumentarium der Textkritik und der historischen Forschung die Faktizität sowohl der Berichte des Alten wie des Neuen Testaments in Frage stellten. Es sind Erzählungen, keine Chroniken. Da der aufklärerische Atheismus unmittelbar aus dem Christentum erwuchs, hat er nur selten eine Wiederbelebung polytheistischer Vorstellungen erwogen. Die historische Stufenfolge schien ihm zu sein: Animismus (die Natur ist belebt und handelt) – Polytheismus (das Schicksal bestimmen die Götter) – Monotheismus (ein Gott erschuf die Welt) – Atheismus (die Welt beherrschen Naturgesetze und menschliches Handeln).

Die Kritik betraf, da der Atheismus wie gesagt stark mit der europäischen Aufklärung verbunden war, vor allem das Christentum. Andere Religionen wurden, wenn überhaupt, nur am Rande behandelt, manchmal von der Kritik ausgenommen, manchmal pauschal in sie einbegriffen. Von einer gewissen Ferne aus betrachtet, fällt auf, dass die menschliche Ethik des atheistischen Humanismus erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Ethik des Christentums aufweist. Gibt es eine Ethik, die tatsächlich ohne eine göttliche Offenbarung auskommt?

Die bisher unübertroffene Antwort stammt von Immanuel Kant. Für die theoretische (in Kants Worten: reine) Vernunft ist Gott schlechterdings nicht erkennbar oder beweisbar. Dies schränkt den Atheismus unmittelbar ein: Die Behauptung, es gäbe keinen Gott, ist genauso ein Glaube wie der Gottesglaube selber. Sie ist mit Religion durchaus vereinbar, wie der Buddhismus zeigt. Der atheistische Biologe Richard Dawkins formuliert denn auch mit spitzfindigem englischen Humor, es gäbe Gott „höchstwahrscheinlich“ (most probably) nicht.

Hier ein Exkurs zur berühmten Wette, die der französische Mathematiker Blaise Pascal vor Kant im 17. Jahrhundert vorgeschlagen hatte, um Menschen vom Glauben zu überzeugen, denen die vorhandenen Gottesbeweise nicht einleuchteten: Wenn man an Gott glaubt und es gibt Gott, hat man gewonnen. Wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn nicht, hat man nichts verloren. Wenn man nicht an Gott glaubt und es gibt ihn tatsächlich nicht, hat man weder etwas gewonnen noch etwas verloren. Wenn man nicht an Gott glaubt, es ihn aber gibt, hat man alles verloren. Man tut also gut daran, an Gott zu glauben. Allerdings konnte dies nur jemand schreiben, der wie Pascal in einer Region wohnt, in der praktisch nur ein einziges Bekenntnis in Frage kommt. In den deutschen Ländern hätte Pascal als kühler Logiker eine andere Rechnung aufmachen müssen: Für die Katholiken war ein Bekenntnis zum Protestantismus schlimmer als ein schlichter Unglauben, für die Protestanten ein Bekenntnis zum Katholizismus. Weltweit betrachtet geht die Rechnung schon gar nicht auf: Für Muslime ist der Christ schlimmer als der Ungläubige und so weiter und so fort. Beim Glauben an den falschen Gott droht also der Totalverlust des jenseitigen Heils, während man als Ungläubiger Chancen hat, besser wegzukommen. Bei der Vielzahl der Gottheiten, die sich als die jeweils einzig wahren andienen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, den richtigen Gott zu wählen, drastisch, und man tut wohl besser daran, sich bedeckt zu halten und neutral zu bleiben.

Zurück zu Kant: Da die Vernunft nichts erkennen kann, was außerhalb des Bereichs möglicher Erfahrung liegt, ist eine verlässliche Aussage bezüglich Gottes ausgeschlossen. Übrigens ist diese Überlegung weniger spektakulär, als es in geschichtsvergessenen Philosophiegeschichten normalerweise nachzulesen ist, denn bereits Thomas von Aquin hatte das im 13. Jahrhundert zugestanden. Die Vernunft ist nicht atheistisch im Sinne einer Erkenntnis, dass es keinen Gott gibt, sondern skeptisch, ob es ihn gebe.

Nun sind wir des Gottes beraubt, der uns die ethischen Normen auferlegt, sie heiligt und ihre Einhaltung mit dies- oder jenseitigen Strafen überwacht. Wie gelangen wir dennoch zu ethischen Normen, wenn sie nicht reiner Willkür entspringen sollen? Kant meinte, mit dem von ihm so genannten „kategorischen Imperativ“ die Antwort gefunden zu haben. Der kategorische Imperativ setzt keine Ethik, sondern formuliert ein Prinzip, das – jedenfalls nach Kants Überzeugung – allen denkmöglichen Ethiken zugrunde liegt. Es besagt, ethisch richtig sei es, immer so zu handeln, dass die Maxime des Handelns ein allgemeines Gesetz sein könne. Daraus folgt, dass die Maxime des Handelns so formuliert sein muss, dass jedem anderen Menschen ein Handeln nach gleicher Maxime möglich ist. Oder anders gesagt: Die Maxime des Handelns muss sich auf den Handelnden selber anwenden lassen. Ein Beispiel aus dem Bereich der Religion: Aus der Ansage von Paul an Peter, Paul dürfe Peter zu seinem Glauben zwingen, würde nach dem kategorischen Imperativ folgen, dass auch Peter Paul zu seinem Glauben zwingen dürfe, was eine unmögliche Situation ergibt. Man muss hier aber beachten, was unter Maxime zu begreifen ist. Derjenige, der sagt, er dürfe mich im Falle, dass ich vom einmal angenommenen Glauben abfalle, zur Einhaltung des Versprochenen zwingen, kann geltend machen, er räume mir das gleiche Recht ein, nämlich ihn zur Einhaltung zu zwingen, würde er selber vom Glauben abfallen. Damit sei dem kategorischen Imperativ Genüge getan. Diese dem ethischen Grundprinzip scheinbar ähnliche Form hat vermutlich große Moralphilosophen wie Thomas von Aquin dazu verleitet, die Regel, vom Glauben dürfe man nicht abfallen, als gültig zu erkennen. Doch in Wahrheit gilt die Regel nur, wenn wir in der Werthaltung übereinstimmen. Die übergeordnete Maxime würde lauten: Er darf mir seine Werthaltung aufzwingen, indem er meinen Abfall vom Glauben straft, ich darf ihm meine Werthaltung aufzwingen, nämlich vom Glauben abzufallen. Mit dem kategorischen Imperativ ist wohl allein die anarchistische Maxime vereinbar, jeder möge den anderen in Ruhe lassen. Kant kennzeichnete die Anarchie als Gesellschaftsordnung, in der Gesetz und Freiheit ohne Gewalt gelten. Er verwarf sie nur, weil er ihre Verwirklichung für unerreichbar hielt. Die landläufige Behauptung, Kant habe die Anarchie gefürchtet, da sie einen rechtlosen Zustand mit sich führe, kann aber nicht zutreffen, denn die Gültigkeit des Gesetzes ist Teil der Definition.

Bei Kant kommt dann Gott doch wieder ins Spiel, gleichsam durch die Hintertür. Kant nannte es die „regulative Idee“, die Gott in der praktischen Vernunft (Ethik) notwendig mache, ohne dass man ihn mit der theoretischen (reinen) Vernunft beweisen oder erkennen könne. Der kategorische Imperativ muss ganz davon absehen, ob derjenige, der ihm folgt, daraus Vorteile zieht oder nicht. Mehr noch: Auch dann, wenn mir daraus Nachteile erwachsen, muss ich ihm folgen. Das ist übrigens in jeder Ethik so. Denn ein vorteilhaftes Handeln verstärkt sich aus sich selber heraus; nur dann stellt sich die Frage der Ethik, wenn sie mir abverlangt, Nachteile hinzunehmen. Andererseits wäre es, überlegte Kant realistisch, kaum erträglich, sich vorzustellen, dass das ethisch richtige Handeln stets nur Nachteile hat und mich in den persönlichen Abgrund führt. Wenn die Ethik eine solche Forderung stellen würde, würde sie sicherlich kaum jemanden finden, der ihr folgt. Das gleiche Problem ergibt sich übrigens auch für alle Religionen. Sie verlangen einen Gehorsam, ohne dass die Gläubigen an ihren unmittelbaren Vorteil denken dürfen. Aber irgendwo muss dann doch die Belohnung winken. Das ist sogar in der Erzählung um Hiob so: In einer makaberen Wette mit dem Satan erlaubt Gott dem Satan, Hiob mit Unheil zu überhäufen, um zu testen, ob er dann vom Glauben an Gott abfällt. Das tut er nicht. Er besteht die Prüfung und wird nach dem Verlust von Vermögen, Familie und Gesundheit mit neuer Gesundheit, neuer Familie und neuem Vermögen belohnt. Eine solche Form der Belohnung kann die Ethik nicht selber bereitstellen, weil sie rein formal ist, aber auch die Natur wird für sie nicht gerade stehen, weil sie nicht handelt und dementsprechend für Ethik unzugänglich ist. An dieser Stelle brauchte Kant Gott als „regulative Idee“.

Viele Kantianer meinten, sich das Ärgernis von Gott als verbliebener „regulativer Idee“ sparen zu können und haben Kants Argumentation damit arg verflacht. Erklärte, quasi gläubige Atheisten begingen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts die schlimmsten vorstellbaren Gräueltaten, die denen von religiösen Fanatikern in nichts nachstanden. Insofern ist der Atheismus in allen seinen Spielarten keine bessere Alternative zur Religion, sondern nur eine weitere ihrer Spielarten. (Wobei tatsächlich atheistische Kulte, wie Jakobiner nach der französischen Revolution oder verschiedene Freimaurer-Logen sie etablieren wollten, sich nicht gesellschaftlich durchsetzen ließen. Sie gingen unter oder werden bloß noch von Außenseitern gepflegt.)


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